Gestern, Fronleichnam, habe ich mich ein wenig erholt von den Turbulenzen der Dreigroschen-Drehorgelei und den damit verbundenen rauschenden Erfolgen. Ich bin etwas später aufgestanden, habe ein wenig im Garten herum geräumt und dann das alltägliche Schreibtischchaos gesichtet, in meinem Lehrerbuch provisorisch Ordnung geschaffen und mich sodann auf die anstehende Klassenfahrt vorbereitet.

Die 10b, Ildiko als Begleitperson und ich, wir fahren nach Südfrankreich an die Ardèche, auf einen Campingplatz bei Vallon Pont d´Arc. Ich hatte mich vor einem knappen Jahr an Helmut Stipps und seine Karibu-Touristik erinnert. Diesen Helmut hatten wir vor Jahren - Patrick war, glaube ich, gerade 7 Jahre alt, in Griechenland kennen gelernt.

Als Reiseunternehmer leitete er dort einen chaotischen Ferienaufenthalt mit einer chaotischen Jugendgruppe. Mir hatte das damals gefallen. Ein paar Telefonate und Faxe zwischen Kassel und Solingen und die Klassenfahrt war im Großen und Ganzen unter Dach. Helmut und ich, wir hatten offensichtlich irgendwie Antennen füreinander.

Neun Tage zelten mit Halbpension, Kanukurs und Besichtigungen für 480 Mark. Die Schüler, damals noch richtige Kinder, waren begeistert, wussten wohl auch gar nicht, was sie erwartete. Inzwischen wissen sie ein bisschen mehr, zum Beispiel, dass sie selber beim Kochen helfen müssen, aber begeistert sind sie immer noch. Ganze drei Wochen sind es noch bis zum Schuljahresende und dann bin ich meine Klasse los. Neun lange, intensive Tage stehen mir allerdings bevor zum Abschiednehmen von Kindern, die mir irgendwie ans Herz gewachsen sind.

Christoph fährt nicht mit - schade! er bekommt seinen amerikanischen Austauschschüler einen Tag zu spät zu Besuch, um ihn mitzunehmen. Sarah, die erst in der 10. Klasse dazu gestoßen ist, bleibt Zuhause, und Ibrahim, der mir bei der Abfahrt beichtet, er habe eine Flussphobie. Der Ärmste: Beim Anblick strömender Flüsse wird ihm schwarz vor Augen.

Na und Tanja, die ist ja nie mitgefahren. 24 sind wir also, 22 Schüler und wir beide, die am 16. Juni abends um 20:00 Uhr auf dem Parkplatz der Theodor-Heuss-Schule warten.

Helmut hat mir einen großen Bus versprochen, einen mit Platz für fünfzig. Toll, soviel Raum zu haben. Die Füße ausstrecken und sich durch die Nacht in die südfranzösische Wärme kutschieren zu lassen.

Das Wetter heute war entsetzlich: Regen den ganzen Tag über, und eine Kühle, die den Regenschirmen Gänsehäute machte. Zum Glück gab es zwischen halb acht und halb neun eine Regenpause, sodass wir wenigstens trocken auf den Bus warten konnten. Mit einer Viertelstunde Verspätung kam er an. Ich hatte schon Ängste gehabt. Mein dämlicher Pessimismus - Aber was kann zwischen Solingen, Karibus Heimathafen, und Kassel nicht alles passieren! Inzwischen ist es im Bus ganz gemütlich. Die Wänste genießen die Fahrt in die große weite Welt und die Abnabelung von den Altvorderen und die Vorfreude aufs große Abenteuer. Aus den Bordlautsprechern hämmert lieblich-monoton irgendein Rock, der Bus dümpelt flott über die Autobahn und die Sonne schickt sich an, unterzugehen. Es ist halb zehn und in knapp zwei Stunden werden wir in Solingen sein.

Dort wird der Anhänger mit all dem Klumpatsch, von Gummikanus bis Kühltruhe, angehängt, Helmut der Karibuchef steigt zu und dann geht es über Luxemburg ab nach Frankreich. Bonne chance! Vallon Pont d´Arc. Den Namen hat der Ort von der Naturbrücke, die den Fluss überspannt. Bei Vallon Pont d´Arc. beginnen die meisten Kanuten ihren Ardeche Parcours. Von hier ab wird der Fluss wild und reißend, wenn er genug Wasser führt und von hier ab, flussabwärts erstreckt sich, etwa 30 Kilometer lang der berühmte Canyon. Der Campingplatz liegt direkt über dem Fluss. Einer von der einfacheren Sorte, ohne Komfort, aber alles, was man braucht ist da: Schatten, warme Duschen, Elektrizität. Wir haben einen kleinen, abgezäunten Platz für uns. Da stehen die zwanzig Zelte und das große Küchenzelt.

Zwei Tage sind wir schon hier. Heute ist schon Sonntag, Nachmittag. Die Sonne steht irgendwo zwischen vier und sechs Uhr. Andreas kommt und fragt mich, wie spät es sei. "Warum?" So halt, man muss doch wissen wie die Uhr ist. "Warum", meine Uhr ist in irgendeiner Tasche im Zelt. Ich beginne zeitlos zu leben. Das ist ein gutes Zeichen. Ein bisschen wie in den Ferien. "Einfach so in den Tag hinein".


Von Luxemburg bis zur Ardèche war es dann doch noch ein verdammt langer Weg: Zwölf lange Stunden und trotz aller Busbequemlichkeit fühlte man sich müde und angeschlagen. Nach ein paar Stunden Nachtdöserei waren, um acht Uhr morgens, längst in Frankreichs südlicher Mitte, alle Schüler wach. Claudia läuft zu ihrer ersten Hochform auf und erhält ihren Spitznamen, der ihr nun wohl eine ganze Weile nachrennen wird - Oberschwester.

Keine Ahnung woher, aber der Name passt zu ihr.

Oberschwester nimmt das Busmikrophon in Beschlag und wechselt sich mit Helmut Stipps, der seit Luxemburg chauffiert, im Witzigsein ab. Helmut ist besser, aber Claudia gibt sich redlich Mühe.

Helmut ist ein Kapitel für sich. Als er in Solingen in den Bus kommt, sich in die Mitte stellt, breitbeinig, vollbärtig, wohlbeleibt und die ersten zehn Sätze loslässt, hat er das Publikum für sich gewonnen. Die Kinder wissen zuerst gar nicht, woran sie sind und wie sie reagieren sollen auf diese rheinländisch breite Schnodderigkeit, diese Mischung aus Jux und Autorität. Doch dann, nach kurzem Zögern, lachen sie, nehmen Begrüßung, Ermahnungen, Anweisungen von der heiteren Seite. Helmut hat die Show gewonnen. It's his turn. He's the boss. Er hält diesen Stil durch. Nein, das ist falsch, es ist ja keine

Masche, er gibt sich einfach so, wie er ist. Ich bin begeistert und auch ein wenig neidisch. So ein naturbegabter Pädagoge - autoritär, locker, deftig, mit einer guten Brise laissez-faire. Die Kids schmunzeln, grinsen, lachen, lassen sich nur allzu gerne auf Helmuts Schmonzetten, Zötchen und Kalauer ein.

Claudias großes Herz hat er als erstes gewonnen. Sie würde sich dem Bären am liebsten auf den Schoß setzen, aber das geht ja nicht, schon gar nicht während der Fahrt. Also sitzt sie auf dem Boden neben ihm, achtet auf die Straße und den Kilometerstand und singt den einen oder anderen Refrain mit. Auch Dana hat erstaunlich schnell ihre Sprödigkeit abgelegt und quatscht auch schon mal mikrophonisch quer. Ansonsten rückt im Laufe des Vormittags das Ziel immer näher und die Temperaturen steigen.

Vor Dauerregen hat inzwischen niemand mehr Angst. Um 13:00 Uhr sind wir da, wo wir hin wollten: Camping de L´ile, Vallon Pont d´Arc. Helmut hat kurz vor dem Ziel noch einmal richtig heftig gepowert. Wir fahren an einem Flussbett vorüber. Ausgetrocknet, null Wasser. Helmut: "Auweh, kein Wasser. Was machen wir jetzt. Hier hat´s seit Monaten nicht geregnet." Betretenes Schweigen. "Vorschlag: Wir fahren weiter ans Mittelmeer. Mit Kanufahren ist nichts! Schade!" Um seine Worte noch zu untermauern, hält er den Bus auf einer Brücke. Unten gähnt, für alle sichtbar, ein trockenes, steiniges Flussbett.

Doch jetzt rühren sich auch erste Zweifel. Einige haben ein Schild gesehen mit dem Flussemblem und haben deutlich gelesen- Pont d´Ibie. Wie, wenn das da unten gar nicht die Ardèche ist! Helmut genießt die Situation. Einen Augenblick lang war ich selbst auch im Zweifel gewesen, bis der Karibu mir zugezwinkert hat.

Irgendwie spricht sich´s im Bus langsam herum- dieser Fluss heißt Ibie. Nur Angelina, Christian und noch ein paar Schüler glauben noch an den Weihnachtsmann. Natürlich hat die Ardeche Wasser. Und wie! Der erste Eindruck ist entscheidend: Ein Fluss zum Verlieben! Und dann nach der Ankunft beginnt die Arbeit. Wilde Schafferei: Ausladen, Küchenzelt aufbauen, Zweierzelte, Tische, Bänke, Kübel, Töpfe ausräumen und sortieren, Licht legen, dreizehn Kanus aus den Säcken schälen, aufblasen, bewundern und und und. Irgendwann steht das Camp. Alle sind fix und fertig und voller Abenteuerlust.

Ab ins Wasser!